Dieter Pohl Organisationsentwicklung Organisationsentwicklung, Mediation, Coaching

Tauziehen, Schwerin, Foto Dieter Pohl
Wo bleibt meine Energie?

Als Jesus zurückkam, nahm ihn das Volk auf; denn sie warteten alle auf ihn.
Und siehe, da kam ein Mann mit Namen Jaïrus, der ein Vorsteher der Synagoge war, und fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen; denn er hatte eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, die lag in den letzten Zügen. Und als er hinging, umdrängte ihn das Volk.
Und eine Frau hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren; die hatte alles, was sie zum Leben hatte, für die Ärzte aufgewandt und konnte von niemandem geheilt werden.
Die trat von hinten heran und berührte den Saum seines Gewandes; und sogleich hörte ihr Blutfluss auf.
Und Jesus sprach: Wer hat mich berührt? Als es aber alle leugneten, sprach Petrus: Meister, das Volk drängt und drückt dich.
Jesus aber sprach: Es hat mich jemand berührt; denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist.
Da aber die Frau sah, dass sie nicht verborgen blieb, kam sie mit Zittern und fiel vor ihm nieder und verkündete vor allem Volk, warum sie ihn angerührt hatte und wie sie sogleich gesund geworden war.
Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden!
Als er noch redete, kam einer von den Leuten des Vorstehers der Synagoge und sprach: Deine Tochter ist gestorben; bemühe den Meister nicht mehr.
Als aber Jesus das hörte, antwortete er ihm: Fürchte dich nicht; glaube nur, so wird sie gesund!
Als er aber in das Haus kam, ließ er niemanden mit hineingehen als Petrus und Johannes und Jakobus und den Vater des Kindes und die Mutter.
Sie weinten aber alle und klagten um sie. Er aber sprach: Weint nicht, denn sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft.
Und sie verlachten ihn, denn sie wussten, dass sie gestorben war.
Er aber nahm sie bei der Hand und rief: Kind, steh auf!
Und ihr Geist kam wieder und sie stand sogleich auf, und er befahl, man sollte ihr zu essen geben.
Und ihre Eltern entsetzten sich. Er aber gebot ihnen, niemandem zu sagen, was geschehen war.
Lukas 8, 40 – 56

Tauziehen-Schwerin-Foto-Dieter-Pohl
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Manchmal wachen wir morgens frohgemut auf, voller Tatendrang, mit der Einstellung: „Das packen wir heute!“ und gehen abends ins Bett: „Puh, das hat heute Kraft gekostet, das hat geschlaucht, all mein Elan ist dahin!“
Manchmal gehen wir mit frischem Mut in ein Gespräch oder zu einem Besuch und mit hängendem Kopf schleichen wir wieder heraus: „Jetzt muss ich erst mal `ne Stunde frei haben oder zwei! Jetzt muss ich mir erstmal was Gutes gönnen – bevor ich weitermachen kann. Das hat meine ganze Aufmerksamkeit, meine ganze Energie in Anspruch genommen!“
Es stellt sich die Frage: Wo ist meine Kraft, mein Elan, – die jüngeren Leute würden sagen: meine Power – geblieben? Wo ist meine Energie geblieben?

Sicher kennen Sie solche Situationen:
nach der Presbyteriums-Sitzung
nach der Unterrichtsstunde
nach dem Telefonat mit der eigenen Tochter, mit dem eigenen Sohn
nach einer Mathearbeit
nach einem Geburtstagsbesuch

In unserer Geschichte begegnet Jesus auch so ein Kraft verschleißendes Durcheinander:
„Alle warteten auf ihn!“ – so startet der Text.
Jesus hat diakonischen Stress: Der Vorsteher der Synagoge kommt, fällt ihm zu Füssen,
bittet ihn in sein Haus zukommen. Seine Tochter ist schwerkrank!
Jesus macht sich auf den Weg. Die Menschen umdrängen ihn.
Eine Frau berührt ihn. Er merkt, dass Kraft von ihm geht – griechisch „dynamis“ – er merkt, dass er Dynamik verliert.

Jesus hält inne: „Es hat mich jemand berührt, denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist.“
Wieso fragt er? Warum lässt er sich davon nicht abbringen? Wieso fragt er ein zweites Mal?
Warum eilt er nicht weiter zu der todkranken Jugendlichen? Wieso vertraut er nicht darauf, dass Gott ihm weiter Kraft gibt? Weshalb will er wissen, wo seine Kraft geblieben ist?

Jesus spürt seiner Kraft nach. Er will wissen, wo seine Dynamik, seine Energie, sein Elan bleibt. Er überdeckt seinen Energieverlust nicht mit frommen Worten: „Gott wird mir die nötige Kraft schon geben!“
Von Zeit zu Zeit zieht er Kraftbilanz. Er hält inne, sucht die Einsamkeit, geht in die Wüste, steigt auf einen Berg, er betet. Die Quelle seines Lebens, seiner Lebenskraft ist ihm wichtig.

Petrus macht weiter wie bisher: Er sucht nach einer schnellen Erklärung, bleibt infolgedessen an der Oberfläche:
„Meister, das Volk drängt und drückt dich.“
Er kommt mir vor wie die Kirche: Wir haben unser Programm, das muss durchgezogen werden. Wenn jemand in Not ist, kriegen wir das wohl mit, haben aber zu wenig Kraft dafür, weil wir uns zu wenig um uns selbst kümmern.

Die Frau in unserer Geschichte hatte 12 Jahre weiter so gemacht. Auch sie leidet unter Kraftverlust. Ihre Monatsblutungen sind verlängert und verstärkt. Sie verliert Blut – nach damaligem Verständnis heißt das: Sie verliert Vitalität, Lebenskraft.
Damit ist sie unrein:
Sie darf nicht in den Tempel gehen. Sie ist ausgeschlossen vom Gottesdienst.
Ein Mann darf sie nicht berühren. Sie ist ausgeschlossen von der Zärtlichkeit.
Seit 12 Jahren! Alles, was sie hatte, hat sie für Ärzte aufgewendet, – immer wieder.
Sie hat immer so weiter gemacht. Alles ist weg, zerflossen.

Jetzt hat sie etwas verändert, entgegen allen Vorschriften, entgegen allen Gesetzen.
Wohl mit letzter Kraft hat sie sich zu Jesus, zu seinen Jüngern – also auch zu seiner Kirche – durchgekämpft und die Schaufäden seines Kleides berührt.
(Schaufäden sind die Gewandzipfel, die Quasten am Obergewand. Sie erinnern an die Gebote Gottes – 4.Mose 15,37 – 39 „damit ihr euch nicht von euren Augen verführen lasst!“)
Ein starker Wille muss sie getrieben haben. Jesus hat ihre Berührung gemerkt.
Sie scheint selbst erschrocken zu sein über ihren Mut:

„Als aber die Frau sah, dass es nicht verborgen blieb, kam sie mit Zittern und fiel vor ihm nieder und verkündete vor allem Volk, warum sie ihn angerührt hatte…“
Das gehörte wohl auch zu ihrer Kraft verschleißenden Lebensstrategie:
„Nur nicht auffallen!“
„wenn ich was mache, dann aber heimlich!“
Das passt gut zum „immer so weiter“, zur Selbstwiederholung.

Der Text erzählt zwei Begebenheiten, zwei Heilwerdungs-Geschichten, die eng miteinander verwoben sind. Es geht um zwei Frauen.
Die eine ist 12 Jahre krank. Die andere ist 12 Jahre alt. Beide mal die Zahl 12 – merkwürdig?!
Verbindet die beiden etwas?
Die Jüngere ist 12 Jahre alt, Tochter eines Synagogenvorstehers, im Übergang zur Geschlechtsreife. Sie kann ab jetzt verlobt, d.h. einem Manne versprochen werden.
Wenn der das Brautgeld (=Abfindungssumme für ihre bisherige Familie) bezahlt, ist der Vertrag geschlossen. Jederzeit kann er Hochzeit feiern und die Frau in sein Haus holen.
Möglicherweise nahm ihr diese Aussicht die Luft zum Leben. Möglicherweise wollte sie länger Kind bleiben. Von ihrer Umgebung wird sie für tot erklärt.
Jesus entdramatisiert das. Er sagt, dass sie schläft. Er nimmt ihre Hand und … sie kann aufstehen. So kann sie ihr „Weiter so“ – ihr „ich will Kind bleiben“- ihre Selbstwiederholung durchbrechen.

Petrus,
die Frau, die alles, was sie hatte, für Ärzte ausgegeben hat,
das zwölfjährige Mädchen,
drei Beispiele für das „Weiter so!“
Wo liegen meine Tendenzen der Selbstwiederholung?

„Ja, ja das sehe ich ein“ – wird so manche und mancher unter uns sagen – „wer immer so weiter macht, wer sich von seinen eingespielten Lebensmustern kaum abbringen lässt,
der verliert Kraft, der verliert Energie, Dynamik“
Jedoch Jesus sagt nicht wie ein Therapeut: „Deine Einsicht hat Dir geholfen!“
Obwohl das schon viel ist. Ich freue mich am Ende einer Supervisionsstunde immer, wenn ich den Eindruck habe: „Jetzt ist er oder sie weitergekommen, zur Einsicht gekommen.

Jesus sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen!“
Jesus weist darauf hin, dass hinter unserer Einsicht, hinter unserer Vernunft noch etwas liegt, was wir unbedingt zum Leben brauchen:
Es ist das Vertrauen:
das Zeit hat zum Innehalten, um sich um sich selbst zu kümmern,
das Mut hat, auch mal Vorschriften und Gewohnheiten zu überspringen, um sich außergewöhnliche Berührungen zu erlauben,
das die Zuversicht hat, auch mal einen entwicklungsbedürftigen Jugendlichen schlafen zu lassen,
das Gelassenheit erzeugt: Wir können und müssen uns nicht um alles kümmern
Es ist das Vertrauen auf den, der hinter unserem Leben steht und dem Leben den Rücken stärkt.

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