Dieter Pohl Organisationsentwicklung Organisationsentwicklung, Mediation, Coaching

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Das Neue beginnt in Turbulenzen
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Und wenn das Kind dann da ist, ist nichts mehr wie es war: Ein drittes, viertes oder fünftes Wesen ist in unsere Runde getreten. Es schreit und muss gestillt werden. Es will gewickelt werden, bringt den ganzen Alltag durcheinander, den Schlaf-Rhythmus, das Liebesleben der Eltern.
Es nimmt Kontakt auf, lächelt, will angesprochen werden, sucht Körperkontakt.

Die Nachricht von einer kommenden Geburt bringt uns in Bewegung. Wir sind neugierig, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, achten auf die Gesundheit der werdenden Mutter, auf die Entwicklung der Schwangerschaft. Wir machen Schwangerschaftsgymnastik, vergegenwärtigen uns den Ablauf der Geburt, ihre Schmerzen, ihre Wehen, ihr Risiko, alarmieren Omas und Opas – bloß nicht zu spät!
nehmen Kontakt mit der Hebamme auf, testen ihre beruflichen Erfahrungen und ihre Vertrauenswürdigkeit.
Wir richten ein Kinderzimmer ein, schön farbig und anregend, kaufen ein Kinderbett, einen Wickeltisch und andere Möbel, holen Strampelhöschen – in der richtigen Farbe! -, Windeln und Schnuller, begutachten erste Greif-Spielzeuge, studieren Ratschläge zum gesundheitlichen Wohlbefinden und zur Ernährung des Kindes,

Geburt war schon immer die Metapher für Veränderung, für tiefgreifende, grundlegende Veränderung.

In der Bibel: Wenn Gott kommt, wird es sein wie bei einer Geburt
„Ihr selbst wisst genau, – schreibt Paulus – dass der Tag des Herrn kommt … wie die Wehen einer schwangeren Frau. (1.Thessalonicher 5, 3)
Wenn Gott kommt, wird es sein wie bei einer Geburt. Wehen werden eintreten, Geschrei wird sein,
Schmerzen, Angst, Bangen. Und Neues, noch nie Dagewesenes, wird sichtbar, Gottes Gegenwart.

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.
Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!
Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?
Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.
Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben.
Der wird groß sein und Sohn
des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.
(Lukas 1, 26 – 35)

Der Text erinnert an Ankündigungen von wichtigen Geburten:
die Geburt Isaaks (1. Mose 18, 1 – 13)
die Geburt Simsons (Richter 13, 2 – 14)
die Geburt Samuels (1. Samuel 1, 4 – 20)
die Geburt Johannes des Täufers (Lukas 1, 5 – 25)
Diese Ankündigungen haben eine ähnliche Struktur:
der göttliche Bote erscheint,
die Angesprochenen erschrecken
die Botschaft wird verkündet,
die Angesprochenen argumentieren dagegen, fragen nach, (Sara lacht, Manoach erbittet Bestätigung, Hanna klagt, Zacharias zweifelt, Maria äußert Bedenken)
der Bote antwortet und gibt einen Realisierungshinweis.
Die Ankündigung geht also nie glatt.
So ist es bei der Begegnung von Gottes Wirklichkeit und unserer Welt.

Das Unglatte, Besondere in unserer Geschichte:
Maria ist noch eine Na´ara (hebr.) = junge Frau: ein junges Mädchen zwischen 12 und 12,5 Jahren.
Sie stand noch unter der Vormundschaft des Vaters, wurde aber schon als verantwortlich angesehen.
Während dieser Zeit durfte sie einem Mann ehelich versprochen werden. Dabei wurde die Brautsumme ganz oder teilweise hinterlegt. Der Bräutigam konnte sie jederzeit zu sich holen und heiraten.
War sie verheiratet, nannte man sie nicht mehr Na´ara = junge Frau, Frau im Übergangsstadium, sondern Bogärät (hebr.) = Frau.

Die Ankündigung gipfelt in einem Titel: „Sohn Gottes“
Zu diesem Titel gibt es eine doppelte Hinführung:
eine physische, biologische: über die Jungfräulichkeit und die Vaterschaft Gottes,
eine erklärende, proklamatorische: der wird groß sein, Sohn des Höchsten, Thronfolger Davids (messianischen Tradition),ewiger König über das Haus Jakob.
Das ist wie beim Titel „Deutscher Fußballmeister“:
der muss spielerisch, physisch errungen werden,
der wird proklamiert, sichtbar verliehen mit der Meisterschale, von einer wichtigen Instanz,
unter dem Beifall des Publikums.

Es geht ums Ganze:
um das Schicksal der Maria und um das Schicksal der Welt,
um die Geburt des Kindes und um die Geburt der globalen Innovation.
Die bekannte Soziologin und Politologin Hannah Arendt nannte die Tatsache, dass immer wieder neue Menschen in die Welt kommen, Natalität. Natalität ist abgeleitet vom lateinischen Adjektiv natalis: zur Geburt gehörig. Hannah Arendt formuliert: „der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt.“

Auch hier wird „Geburt“ zum Bild
der Entstehung von Neuem, das die Welt verändert,
von zuvor nicht Dagewesenem oder nie Dagewesenem,
Mit jeder Geburt kommt ein neues Bewusstsein in die Welt
ein eigener Wille,
eine neue Art, die Dinge zu sehen,
etwas, dessen Wirken nicht voraussehbar ist,
etwas, von dem man nicht weiß, woraus es hervorgegangen sein könnte.
Mit jeder Geburt betreten neuer Eigensinn, neuer Wille und neue Ansichten den Raum der Gesellschaft. Und die verschiedenen Interessen dieser Eigensinne müssen immer wieder neu ausgehandelt werden.
Dafür sind die Lebensgemeinschaften, Familien, die Erziehungseinrichtungen, die Religionsgemeinschaften und nicht zuletzt die Politik da.

Hannah Arendt zitiert Thomas Jefferson (3. Präsident der USA): „Jede neue Generation habe das Recht, selbst die Staatsform zu wählen, von der sie sich die beste Beförderung ihres Glücks verspreche“. (nach: http://achimwagenknecht.de)
Ein weitsichtiger Satz – er steht gegen unsere Angst um unsere Demokratien,
die in weiten Teilen der Welt infolge unseres Lebensstils immer mehr in Misskredit geraten, und die von autoritären, populistischen Politikern auch immer mehr in Verruf gebracht werden.

Wir leben in einer Zeit, in der viel Umbruch, viel Neubeginn zum Vorschein kommt. Wir merken es an den ungeheuren neuen Kommunikations-möglichkeiten, die das Internet mit sich bringt, an der rasanten Entwicklung der künstlichen Intelligenz, die an vielen Punkten schneller ist als unser Gehirn, an den erstaunlichen Wahlergebnissen, die wir in letzter Zeit hatten
Es gibt zu denken,
dass die Grünen bei der jüngeren Generation (25%) am besten abschneiden,
die AfD bei der mittleren Generation (15%),
und dabei bei den Arbeitern 22% erzielen (SPD 23%),
CDU und SPD bei den über 60-Jährigen (35% u. 27%),

Es könnte uns Angst machen, wenn wir den Weltlauf so sehen. Und manchem stehen die Haare tatsächlich zu Berge. Wohin steuert das Ganze?

Die Ankündigung der Geburt Jesu lockt uns,
genau hinzuschauen, Nachrichten zu überprüfen,
Neues zu entdecken,
in den atemberaubenden Umbrüchen Chancen zu sehen,
ja vielleicht sogar Gottes Handeln zu ahnen inmitten des Durcheinanders der Welt.

Gott lässt uns nicht im Stich! Nein er setzt sich ein für das Leben in der Welt. Er geht ungewöhnliche Wege. Und er nimmt die Marias und Josefs, die Kleinen, die Geringsten mit!
Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.
Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären.

Das könnte unser Kriterium sein für das, was wir unterstützen inmitten der Turbulenzen, die wir gerade erleben: Wir unterstützen das, was das Leben in der Welt, in der ganzen Schöpfung, fördert.
Daraufhin überprüfen wir, was uns begegnet. Dafür setzen wir uns ein.

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