Dieter Pohl Organisationsentwicklung Organisationsentwicklung, Mediation, Coaching

Dieter Pohl Organisationsentwicklung
Totale Machtansprüche – entschlüsselt
Verschlüsselungsmaschine-Enigma-wiktionary.org
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„Achtung, eine wichtige Durchsage. Wir rufen den Schuhputzer. Die Schuhcreme ist schwarz. Ich wiederhole. Wir rufen den Schuhputzer. Die Schuhcreme ist schwarz. Wir rufen den Milchmann. Nicht vor fünf Uhr klingeln.“ Was ist das?
Eine verschlüsselte Nachricht, eine Geheimbotschaft.
Was immer sie bedeuten mag: Sender und Empfänger haben sich auf bestimmte Zeichen geeinigt. Das können Codewörter, Zeitangaben, Farben, Zahlenfolgen oder Buchstaben-Reihenfolgen sein.
Sie können die Zeichen und damit die Botschaft entschlüsseln, die anderen bleiben außen vor.
Verschlüsselte Nachrichten, geheime Botschaften – sie gab es schon in der Antike, sie werden auch heute noch verschickt. …
Wer hat nicht als Jugendlicher an einer eigenen Geheimschrift gebastelt, mit Codewort oder Schablone, nur dem besten Freund, der besten Freundin vertraut, für Fremde unknackbar? …
Auch aus der Alltagswelt der Erwachsenen sind chiffrierte Nachrichten nicht mehr wegzudenken. Ob die Kontonummer bei der … Bank, die vierstellige Ziffer für den Geldautomaten, die Nummer auf der VISA-Kreditkarte oder eine elektronischen Unterschrift – man weiß gar nicht, wie oft man geheime Botschaften derart kodiert verschickt, dass sie hoffentlich nur der Empfänger entschlüsseln kann – aber kein ungebetener Lauscher in der Leitung.
Die Domäne chiffrierter Nachrichten bleibt die Spionage.
Wir kennen das aus den Filmen über James Bond,
vielleicht auch noch aus der Geschichte der Enigma, der deutschen Kodiermaschine des zweiten Weltkrieges. Schon bald nach Kriegsausbruch konnten die Engländer die für unknackbar gehaltenen Chiffrierungen der Enigma mitlesen.“
(nach: Uwe Springfeld, deutschlandfunk.de)

Heute geht es um einen verschlüsselten Text aus der Bibel:
Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen.
Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine Füße wie Bärenfüße und sein Rachen wie ein Löwenrachen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht.
Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet, und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde wunderte sich über das Tier,
und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?
Und es wurde ihm ein Maul gegeben, zu reden große Dinge und Lästerungen, und ihm wurde Macht gegeben, es zu tun zweiundvierzig Monate lang.
Und es tat sein Maul auf zur Lästerung gegen Gott, zu lästern seinen Namen und seine Hütte und die im Himmel wohnen.
Und es wurde ihm gegeben, zu kämpfen mit den Heiligen und sie zu überwinden; und es wurde ihm gegeben Macht über alle Stämme und Völker und Sprachen und Nationen.
Und alle, die auf Erden wohnen, werden ihn anbeten, alle, deren Namen nicht vom Anfang der Welt an geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes, das geschlachtet ist.
Hat jemand Ohren, der höre!
Wenn jemand ins Gefängnis soll, dann wird er ins Gefängnis kommen; wenn jemand mit dem Schwert getötet werden soll, dann wird er mit dem Schwert getötet. Hier ist Standhaftigkeit und Glaube der Heiligen!
(Offenbarung 13, 1 – 10)

Wahrscheinlich stammt der Text aus der Zeit des römischen Kaisers Domitian (81 – 96 n. Chr.), aus den Jahren am Ende seiner Regierungszeit. Für die Christen in Kleinasien – heute Türkei – waren es schwierige Jahre: Der römische Kaiser wurde „göttlich“ genannt, „Retter“, „Heiland“, „Wohltäter“, „Gott“. Große Kaiserstatuen standen in den Tempeln, auf den Marktplätzen, an den Hafeneinfahrten. Die Statue Domitians in Ephesus war sieben Meter hoch. Seine göttliche Abstammung begründete seine Macht, nicht die Wahl durch das Volk – wie heute.
Wer den Kaiser nicht anbetete, wer seine Feste nicht mitfeierte, wer den Kriegsdienst verweigerte, der riskierte Kopf und Kragen. Der konnte verpfiffen werden. Dann drohte Gefängnis. Die Offenbarung berichtet sogar von einem Todesfall (Offb. 2.13)
Kein Wunder, dass die Christen sich mit verschlüsselten Botschaften verständigten.

Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen –
Das zu entschlüsseln war nicht schwer: den Juden und Christen dürfte sofort die Landung der Römer eingefallen sein. Sie kamen seit mehr als 250 Jahren mit Schiffen über das Mittelmeer und besetzten das Land.

Das Tier hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen –
Hier gibt es etwas zum Mitzählen: Das römische Reich zählte seit Caesar sieben Kaiser: Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Vespasian, Titus, und der achte ist jetzt Domitian.
Die zehn Hörner meinen wohl die unterworfenen Vasallenkönige, die die römische Herrschaft mit Abgaben unterstützen mussten.

Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet, und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde wunderte sich über das Tier –
Damit war wohl Kaiser Nero gemeint: Der hatte in Rom so schlimm gegen die Christen gewütet, dass man befürchtete, er würde wiederkommen. Es gab einen Mythos „Nero redivivus“, Nero, der „Wiederlebende“.

Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen? –
Auch der Drache kann sofort dekodiert werden: Er ist die Zusammenfassung alles Bösen, das personifizierte Böse: man nannte es damals „Satan“ (Ankläger) oder „Teufel“. Der gab also dem römischen Kaiser die Macht – nicht Gott!

Und es wurde ihm ein Maul gegeben, zu reden große Dinge und Lästerungen, und ihm wurde Macht gegeben, es zu tun zweiundvierzig Monate lang –
Hier wird die antichristliche Propaganda aufgespießt, auch das Geschwätz und die Fake News.
Es wird aber auch Hoffnung gesät: Der ganze Spuk dauert nur 42 Monate = 3,5 Jahre.

Und alle, die auf Erden wohnen, werden ihn anbeten, alle, deren Namen nicht vom Anfang der Welt an geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes, das geschlachtet ist –
Es ist ein erdrückendes „Alle“. Es wird deutlich: die Christen sind in der Minderheit, in einer winzigen Minderheit. Alle Anderen beten den Kaiser an.
Und zugleich wird an ein anderes Symboltier erinnert, an das
Lamm, das geschlachtet ist – an Christus, an seinen Tod am Kreuz.
Gott hat mit seinem Tod die Begründung, die Ableitung,
die Legitimation aller Gewalt unmöglich, sinnlos gemacht, ad absurdum geführt.

Und jetzt kommt die Stoßrichtung der verschlüsselten Botschaft.
Johannes steigt aus der Verschlüsselung aus:
Hat jemand Ohren, der höre!
Wenn jemand ins Gefängnis soll, dann wird er ins Gefängnis kommen; wenn jemand mit dem Schwert getötet werden soll, dann wird er mit dem Schwert getötet. Hier ist Standhaftigkeit und Glaube der Heiligen!

Das verschlägt einem fast die Sprache: die Gefahr bleibt. Der Härte der Gefahr wird nichts genommen. Es wird allerdings ein Schlüsselbegriff eingeführt: hypomonä (griech.) = Standhaftigkeit, Festigkeit, Ausdauer, produktive Geduld, Geduld, die nicht nur erträgt, sondern, die was macht, Widerstand.

Ja, das hört sich anders an als bei Paulus. Er schreibt in seinem Brief an die Römer:  
Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.
Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.
(Röm 13,1-2)
Paulus hat seinen Brief an die Römer etwa 40 Jahre früher geschrieben als der Seher Johannes seine Offenbarung. Er kannte also Kaiser Nero noch nicht.

Der Seher Johannes kannte ihn und den gegenwärtigen Kaiser Domitian. Er ruft dazu auf, sich dem Anspruch, den Kaiser anzubeten, zu widersetzen. Er ruft zu Standhaftigkeit und Widerstand gegen die totalitären Züge des Staates auf, gegen den Anspruch, das ganze Leben zu bestimmen.

1934 entwarfen die Vertreter der Bekennenden Kirche die bekannte Barmer Erklärung. Darin formulierten sie:
„Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden …“
Dagegen wehrten sie sich:
dass der Staat das ganze Leben bestimmt: die Weltanschauung, den Glauben, das Wirtschaftsgeschehen, das Rechtswesen, die Gestaltung der Privatsphäre,
dass der Staat bei missliebigen Minderheiten „Herr über Leben und Tod“ spielt.
Der Staat dient den Menschen und ihrem Zusammenleben, wenn er bei seinen Aufgaben bleibt:
wenn er die verschiedenen Interessen, die es nun einmal zwischen den Menschen gibt, austariert,
wenn er für Frieden sorgt.
Nun leben wir im Moment nicht in einem Staat, der unser ganzes Leben bestimmen will.
Gott und den Vätern und Müttern des Grundgesetzes sei Dank!

Trotzdem warnt uns der Predigttext recht anschaulich vor Mächten, die unser ganzes Leben bestimmen wollen. Das müssen nicht staatliche Mächte sein.

Das können auch wirtschaftliche Mächte sein, z.B. digitale Monopole:
Gerade in dieser Woche hat die deutsche Kartellbehörde verfügt, dass die Internetdienste Facebook, Instagram, und WhatsApp die Daten, die sie erheben, nicht mehr zwischen sich verschieben dürfen, ohne die Menschen um Erlaubnis zu fragen. Der Journalist Jannis Brühl schreibt dazu: „Mark Zuckerberg – der Erfinder und Chef von Facebook – war klug genug, früh das Potenzial von Instagram und Whatsapp zu erkennen und beide Dienste zu kaufen. Nun kontrolliert er ein Netz der Netze, ein einmaliges Konglomerat aus drei der beliebtesten Apps der westlichen Welt. Dieses Konglomerat ist zugleich ein gigantischer Überwachungsapparat“. (Jannis Brühl: Facebook: Die Macht der Daten, SZ 07.02.19)

Das können auch religiöse Mächte sein, die in der Bestimmung von Gut und Böse immer Recht haben wollen.
Das können auch politische Kräfte sein, die hauptsächlich die Angst vor dem Zu-kurz-Kommen schüren, um an die Macht zu kommen.

Johannes der Seher rät uns: Schaut genau hin auf das, was Euch beeinflusst.
Seht sie genau an, die Euch beeinflussen wollen. Sie sind nicht immer leicht zu erkennen!
Sprecht miteinander über Eure Beobachtungen! Tut Euch zusammen! Wehret den Anfängen!
Hier ist Widerstand und Glaube!

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