Dieter Pohl Organisationsentwicklung Organisationsentwicklung, Mediation, Coaching

345b Wahrheit blüht auf, Skulptur von Edith Voßen, Foto Volkmar Schrimpf
Die Macht der Wahrheit

Was ist Wahrheit?                                                    

345b Wahrheit blüht auf, Skulptur von Edith Voßen, Foto Volkmar Schrimpf
Wahrheit blüht auf, Skulptur von Edith Voßen Foto: Volkmar Schrimpf

Die ganze Philosophie-Geschichte hat sich damit beschäftigt, von Aristoteles bis zu den heutigen Philosophen. Und sie hat verschiedene Theorien entwickelt.

  • Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen dem, was behauptet und dem was in unserer Wirklichkeit beobachtet wird. (Korrespondenztheorie)
  • Wahr ist eine Aussage, die immer mehr Konsens findet, der immer mehr Menschen zustimmen. (Konsenstheorie)

Auch die Religionen haben sich seit jeher mit der Wahrheitsfrage auseinandergesetzt.

Oftmals behaupten sie, sie hätten die endgültige Offenbarung empfangen, die objektive Wahrheit, noch steiler: die absolute Wahrheit. Das Ergebnis: Jede will Recht haben. Sie können sich nicht mehr verständigen.

Und nicht zuletzt: Die Gerichte suchen nach Wahrheit im Auftrag der Klagenden. Sie klären Rechtsverstöße, Schuldfragen in mühsamen Prozessen. Sie sprechen Urteile, damit unser Zusammenleben wieder funktioniert.

Die Lage verkompliziert sich, wenn wir die Frage stellen: Wie verhalten sich Macht und Wahrheit zueinander?

Barbara Zehnpfennig, Professorin für Politische Theorie, schreibt in der ZEIT (22. August 2017)

„In unserer Geschichte wurden Wahrheiten, Halb-Wahrheiten und Unwahrheiten dazu genutzt, Herrschaft zu erringen oder zu stabilisieren. So gehören Lügen zum Standardrepertoire von Herrschern. Kamen diese als Demagogen an die Macht, hetzten sie zuvor das Volk auf – gegen die bisher Herrschenden, Besitzenden, Privilegierten. … Zugleich müssen Demagogen die Zukunft, der sie den Weg bereiten wollen, in den leuchtendsten Farben malen, das heißt, sie müssen uneinlösbare Versprechungen machen. … An die Macht gekommen, rühmen sie die Leistungen ihres Regimes und unterdrücken kritische Wahrnehmungen in der Bevölkerung. … Allerdings wünscht sich niemand einen Herrscher, der nur das eigene Wohl und das seiner Mitläufer verfolgt. Die Wahrheit wäre hier in der Tat entlarvend. Deshalb wird sie von Herrschern und Autokraten auch so gefürchtet. Das zeigt, wie mächtig die Wahrheit ist: Mag der Diktator auch alles andere beherrschen, über die Wahrheit herrscht er nicht. Sie ist die Macht, die den Unterdrückten verbleibt.“

Ist das so? Ist Wahrheit mächtig?

Der Evangelist Johannes verbindet die Macht- und Wahrheitsfrage miteinander in einer Prozessschilderung, in einer sehr feingliedrigen und differenzierten Weise.        

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Wahrheit blüht auf, Skulptur von Edith Voßen
Foto: Volkmar Schrimpf

Er bringt sie miteinander ins Schwingen. 

Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium (= Haus des Befehlshabers); es war aber früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten.

Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen?

Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet.

Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten.

Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König?

Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt?

Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet.

Was hast du getan?

Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier.

Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.

Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.

Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?

Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber.

 Johannes 18, 28 – 40

Pilatus gibt sich in dieser Prozessschilderung ordentlich Mühe, dass das ein Prozess wird, der vor dem römischen Recht Bestand hat. Er wandert sogar zwischen den Anklägern und dem Angeklagten hin und her.

Den Angeklagten haben sie in das Prätorium geschoben. Die Ankläger selbst halten sich im Vorraum auf. Der Richter muss wandern, um beide Seiten zu hören. Und er wandert dreimal.

Zunächst will er den Sachverhalt der Anklage klären.

Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen?

Die Ankläger antworten ungeduldig und verallgemeinernd,

Sie sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet.

Ein Übeltäter? Was hat er denn getan?

Das ist Pilatus zu unkonkret, zu vage. Über so etwas Schwammiges will er nicht zu Gericht sitzen.

Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz.

Er gibt den Fall zurück.

Jetzt werden die Machtverhältnisse deutlicher:

Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten.

Intendiert ist also ein Todesurteil.

Das „ius gladii“ (Recht des Schwertes) war auf jeden Fall dem römischen Prokurator vorbehalten.

Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König?

Pilatus versucht nochmal die Anklage auf den Punkt zu bringen. Geht es um politische Macht, sind die Interessen der Römer tangiert! Dann ist er auf alle Fälle zuständig!

Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt?

Jesus macht Pilatus auf einen Unterschied in der Beweisführung aufmerksam: Hast Du selbst solides Wissen zur Anklage? Oder bist Du auf Behauptungen anderer angewiesen?

Die Wahrheitsfrage kündigt sich an.

Die Lage wird für Pilatus immer verzwickter:

Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet.

Er drängt Jesus: Komm endlich zur Sache!

Was hast du getan?

Er gibt Jesus die Gelegenheit sich zu verteidigen. Jesus lässt sich darauf ein – in der Schilderung des Johannes –.

Er fängt an, seinen Einfluss, seine Macht zu erklären:

Mein Reich ist nicht von dieser Welt – sagt er –

Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier.

In der Tat: Jesus beansprucht Königswürde.

Sein Königtum hat allerdings einen anderen Ursprung und eine andere Beschaffenheit als die in der Welt übliche Machtstruktur.

Er zeigte das durch sein Verhalten bei seiner Verhaftung. Er hat sich kampflos ausgeliefert. Wenn sein Königtum ein menschliches Königtum gewesen wäre, hätte er Truppen gerufen, die die Gewalt mit Gewalt beantwortet hätten. Jesus hat eine solche Kraftprobe nicht für sinnvoll gehalten. Er hat auf den Weg der Stärke und Macht verzichtet.

Sein Einfluss, seine Macht stammt nicht von hier, aber sie wirkt hier, mitten in unserer Wirklichkeit.

Pilatus wird nachdenklich, er fragt:

So bist du dennoch ein König? –  ein König, der seine Macht anders ausübt?

Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.

Wahrheit, griech. Alätheia, bedeutet ans Tageslicht bringen, offenbar machen, aufklären.

Wenn Wahrheit auftritt, geschieht etwas: es wird etwas aufgedeckt, es wird etwas sichtbar.

Sie leuchtet auf, sie leuchtet ein!

Wahrheit im biblischen Sinne ist also nicht absolut, losgelöst, über den Dingen schwebend.

Sie ist konkret. Sie spricht an und ich weiß: ich bin gemeint.

Wahrheit erinnert uns an unsere menschliche Perspektive: Wir sind drin in der Welt. Wir schweben nicht über der Welt. Wir haben keine Draufsicht, keine Meta-Perspektive. Wir können immer nur innerhalb unserer Perspektive sprechen, nie das Ganze sehen. Das macht die Behauptung einer absoluten Wahrheit unmöglich. Das entlarvt Exklusivitätsansprüche. Der Theologe Wolfhart Pannenberg bezeichnet deswegen die Aussagen von Christinnen und Christen über Gott als „Hypothese“ und warnt: „Alle, die ihre Erkenntnis Gottes als schon vollkommen bezeichnen, die nicht davon ausgehen, dass ihre Erkenntnis erweiterbar und fortschreitend ist, sollten ihre Aussagen überdenken.“  (ekd.de)

Jesus ergänzt entsprechend:

Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.

Sie bringt sich zu Gehör! Sie überzeugt!

Sie ist evident: man muss sie nicht herstellen, durch Behauptungen herbeireden.

Sie betrifft: ich gehe aus dem Gespräch, aus dem Gottesdienst und mir ist etwas gewiss geworden, ich habe was zu verarbeiten.

Das ist ihre Macht! Und das bringt jeden Machthaber zum Schwitzen!

Auch Pilatus scheint irritiert. Er fragt:

Was ist Wahrheit?

Die Frage ist gut, aber vor dem Nachdenken weicht er aus. Er setzt sich mit dieser Frage nicht weiter auseinander. Er verlässt sie. Er schreitet zur Tat.

Als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.

Pilatus teilt ihnen mit, dass er Jesus für unschuldig hält.

Diese Erklärung müsste das Gerichtsverfahren beschließen. Die Anklage ist nicht haltbar.

Als Statthalter und Richter weiß er das. Aber ob die Ankläger das einsehen?

Er bietet ihnen und auch sich selbst einen Weg an, aus der Sache wieder herauszukommen

Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?

Die Ankläger lassen sich nicht auf das Spiel des Pilatus ein. Sie widersetzen sich seinem Vorschlag. Sie schreien:

Nicht diesen, sondern Barabbas lass frei! Barabbas aber war ein Räuber.

Was kommt dabei heraus? Anstelle Jesu kommt tatsächlich ein Krimineller frei.

Insgesamt wird deutlich: In diesem Prozess wird die herkömmliche Macht entkräftet, entmachtet. Keiner kommt wieder so heraus, wie er hineingegangen ist.

Pilatus geht als Machthaber und Richter in den Prozess. Er versucht die Faktenlage zu klären, setzt sich aber nicht mit der von Jesus eingebrachten Wahrheitsfrage nicht auseinander.

Zum Schluss sieht er sich zur Verurteilung gedrängt.

Er hat seine Macht verloren. Er muss den Hohenpriestern und ihren Mitläufern nachgeben.

Seine Autorität ist dahin.

Die Hohenpriester verfolgen ihr Vorhaben, Jesus aus der Welt zu schaffen. Sie kommen zum Zuge. Sie zahlen allerdings einen hohen Preis. Am Ende behaupten sie: „wir haben keinen König außer dem Kaiser“ (19,15)

Damit verleugnen sie sich selbst und ihren Glauben. Sie verlieren ihre Identität und Glaubwürdigkeit.

Jesus führt die Macht, die sich von oben nach unten durchsetzt, die Macht, die wir alle kennen und praktizieren, ins Nichts, in die Bedeutungslosigkeit. Er überwindet sie.

Er setzt auf die Macht Gottes, die aufdeckt, ans Tageslicht bringt, überzeugt.

Er setzt auf die Macht der Wahrheit und Aufrichtigkeit!

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