Dieter Pohl Organisationsentwicklung Organisationsentwicklung, Mediation, Coaching

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Die Welt und sich selbst neu sehen
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Bei den Passionsspielen in Oberammergau spielen diesmal zwei türkischstämmige junge Erwachsene mit, zwei Muslime.

Der Aufschrei bei einigen Ortsbewohnern war nicht zu überhören: „Sogar die Passionsspiele sind nicht mehr das, was sie einmal waren!“ „Zwei Muslime in unserem allerheiligsten Theaterstück!?“

Der Spielleiter erinnert sich:  „Als er 1990 zum ersten Mal einen Protestanten mitspielen ließ, habe ihm der Ortspfarrer noch den Weltuntergang prophezeit. …“

Jetzt sind es zwei Muslime: Céngiz Görür bekommt die Rolle des Judas und Abdullah Karaca spielt den Nikodemus.

Görür, 18 Jahre alt, ist gebürtiger Oberammergauer. Er erfüllt die Voraussetzung, die zur Teilnahme berechtigt: Oberammergauer qua Geburt müssen die Darsteller sein, oder seit 20 Jahren im Ort leben. Die Familie Görür wohnt seit 1971 in der Gemeinde. …

Der Passionsspielleiter Christian Stückl sagt: „Er ist einfach ein guter Schauspieler“ und die Rolle des Judas sei eine der schwierigsten. …  Fromm sei er nicht, sagt Céngiz Görür. Bei ihm daheim wird zwar kein Schweinefleisch gegessen, aber das eher aus Tradition. Es gibt in Oberammergau keine Moschee, die nächstgelegene ist in Garmisch, sie sind ja nur eine Handvoll türkische Familien hier. Görürs Großvater stammt aus Bursa (Türkei), einer Millionenstadt am Marmarameer, 1965 kam er als Gastarbeiter nach Murnau in den Landkreis Garmisch-Partenkirchen, fand Arbeit als Koch in der Kaserne. Der Vater, Erol Görür, betreibt das Hotel Ammergauer Hof. Jedes Jahr besucht man die Verwandtschaft in Bursa, hält den Kontakt in die Heimat der Alten und fühlt sich zugleich als Oberammergauer.        

Und die Oberammergauer? Haben lange gefremdelt mit ihren Zugezogenen. Er hätte gern als Erwachsener mitgespielt bei der Passion, sagt Erol Görür, der Vater. „Aber das ging nicht. Da war ich der Muslim.“ Die Ernennung des Sohnes freut ihn umso mehr. Er sieht sie als Zeichen, dass die Zugewanderten jetzt wirklich dazugehören.“

(Monika Maier-Albang: Profil Céngiz Görür, in SZ 21. 10. 2018)

Ein Zeichen gelungener – und hoffentlich gelingender – Integration! Wunderbar!

Ich frage: Was macht eigentlich den Reiz aus, bei den Passionsspielen mitzuwirken?

Was macht den Reiz der Passionsgeschichte aus?

Der Evangelist Lukas lässt viele Personen bei der Passionsgeschichte mitspielen:

Simon von Kyrene, die Volksmenge, viele Frauen aus Jerusalem, zwei Übeltäter, die Oberen,die Soldaten, den Hauptmann, Jesu Bekannte, die Frauen aus Galiläa.

Lukas sind die Menschen um das Kreuz wichtig.

Markus beschreibt die Kreuzigung knochentrocken wie ein römisches Hinrichtungsprotokoll.

Er sagt damit: Gott geht den Weg der Hinrichtung, den untersten Weg.

Er schiebt Sätze aus Psalm 22 ein – vom gewaltlos leidenden Gottesknecht – und erinnert damit an eine alte, tiefe, fast traumatische Erfahrung des Volkes Gottes im Exil:

Er, der Gottesknecht, leidet – wir sind kommen frei                                    

Er wird hingerichtet – wir dürfen nach Hause, dürfen leben.                 

Er litt aus unübertroffener Solidarität zu uns.

Lukas übernimmt die Vorlage des Markus. Er betont noch etwas anderes: Er macht uns die Bedeutung der Kreuzigung klar, indem er beschreibt, was mit den anwesenden Menschen passiert.

Ich greife eine Szene heraus:

Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm – Jesus – hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.  …  Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Lukas 23, 32 – 33. 39 – 43

Es lässt erstaunen, was Lukas hier berichtet:

Markus und Matthäus kennen die beiden Kriminellen auch. Nach ihren Berichten reihen sich beide in den Spott und die Schmähungen eines Teils der Bevölkerung und der Oberen ein.

Nach Lukas nehmen sie unterschiedliche, entgegengesetzte Haltungen ein:

Einer lästert – der andere kommt zur Besinnung. Der Lästerer macht sich über das auseinanderfallende Selbstbewusstsein Jesu lustig:

Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!

Ist mit dem Christus-Titel nicht Macht, zumindest Einfluss verbunden?

Und jetzt kannst Du Dir noch nicht einmal selbst helfen?

Ja, wo ist denn Dein Einfluss? Er könnte auch uns helfen!

Der andere Kumpan setzt sich ab: Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

Seine Zurechtweisung enthält drei Elemente: er fordert zur Gottesfurcht auf, er stellt eigene Schuld fest, er schließ Jesus aus, der ungerecht behandelt worden ist.

Seiner Meinung nach müssen sie – die Übeltäter – ihre Schuld annehmen und Ihre Verurteilung anerkennen.

Seine Fehler erkennen und Gott fürchten, das ist ein Akt der Reue, ein Akt der Ehrlichkeit zu sich selbst. Das ist der Anfang der Umkehr, zur Neu-Orientierung, ein Gegengift zur Rechthaberei, die immer nur den eigenen Status vor Augen hat.

Wir hören die Original-Botschaft des Lukas, die in seinem Evangelium immer wieder vorkommt.

Interessant ist, wie Jesu Verhalten charakterisiert wird:

Er hat nichts a-topon (griech.: topos = Ort) getan, wörtlich nichts, das fehl am Platz gewesen wäre, was den Lebensort verletzt hätte, was das Leben belastet hätte.

Zwischen den Übeltätern ist ein Dialog entstanden: einerseits über den Auftrag und die Aufgabe Jesu, andererseits über ihre Schuld: das Verfangen-sein in den eigenen Taten, das Unvermögen, anderen gerecht zu werden.

Der nachdenkliche Übeltäter wendet sich Jesus zu:

Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!       Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Die Antwort Jesu wirkt feierlich: Amen, ich sage dir: Heute …  Sie stellt die Zeitangabe „heute“ in den Vordergrund. Es ist ein qualifiziertes „heute“. Heute realisiert sich Gottes Zuwendung. Heute wirst Du mit mir sein …  Es gibt kein tieferes Versprechen als das „du wirst mit mir sein“. „Mit sein“ ist in der Bibel eine Konstante der Treue, der Treue Gottes.

Jesus hatte sich geweigert, den Spöttern zu antworten, die sich auf die Ebene der menschlichen Ablehnung, des Besser-Sein-Wollens begaben.

Jetzt äußert er sich und zwar dem gegenüber, der am Ende ist, der sein Leben verwirkt hat, der nur aufgeben kann. Ihm eröffnet er Zuwendung und Zukunft, das Paradies.

Darauf kommt es Lukas an:

  • dass der Mensch zur Besinnung kommt,
  • dass er zu sich selbst kommt,
  • dass er sich selbst neu sehen lernt,
  • und dass er die Welt neu sehen lernt,

im Lichte des Kreuzes.

Am Ende des Kreuzigungsberichtes unterstreicht er diese Sicht:

Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.                                                                                       

Die Leute beobachten oder betrachten, griech. theoräsantes – da steckt das Wort Theorie drin: genaues Hinschauen – , was es zu beobachten und zu betrachten gibt, griech. tän theorian – das Anzuschauende, die Theorie.

Mit diesem genauen Hinsehen beginnen sie sich ihrer persönlichen Verantwortung und der gemeinsam begangenen Ungerechtigkeit bewusst zu werden.

Sie fangen auch an, Bedauern zu empfinden, das sich in Reue verwandeln und durch das Schlagen an die Brust ausgedrückt wird. … Sich an die Brust zu schlagen bedeutet, dass sie eine Bußbewegung beginnen.

Jesu Tod lenkt hier die Gewissen zur Selbsterkenntnis.

Konsequenz:  Sie kehren um. Sie ändern die Richtung, richten sich neu aus.

Wie war das mit Céngiz Görür? Wie war das mit dem Muslim, der bei den Passionsspielen mitspielen darf? Oberammergau konnte nichts Besseres passieren.

So lernt man die Welt und sich selbst neu sehen!

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