Dieter Pohl Organisationsentwicklung Organisationsentwicklung, Mediation, Coaching

Kris Martin Altar 2014 ©koeniggalerie.com
Der unsere Welt öffnet
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Von Elim brachen sie auf, und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Sin, die zwischen Elim und Sinai liegt, am fünfzehnten Tage des zweiten Monats, nachdem sie von Ägypten ausgezogen waren.

Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste.

Und die Israeliten sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.

Und Mose sprach zu Aaron: Sage der ganzen Gemeinde der Israeliten: Kommt herbei vor den HERRN, denn er hat euer Murren gehört.

Und als Aaron noch redete zu der ganzen Gemeinde der Israeliten, wandten sie sich zur Wüste hin, und siehe, die Herrlichkeit des HERRN erschien in der Wolke.

Und der HERR sprach zu Mose: Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin.

Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager.

Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.

Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.

         2. Mose 16, 1 – 3, 9 – 15

Vor dieser Geschichte wird erzählt, wie Gott sich vorgestellt hat, am brennenden Dornbusch, Mose gegenüber:

„Ich werde sein, der ich sein werde!“ sagt er.   (2. Mose 3, 14)

Nicht: Ich bin der und der … so könnt Ihr mich nennen, benennen und definieren… Nein:

„Ich werde sein, der ich sein werde!“

Wer ich bin, wird sich jeweils neu zeigen, wird sich in Zukunft zeigen.

Das ist etwas, was unseren Rahmen sprengt.

Bei uns gilt: Alles geht zu Ende, jedes menschliche Werk, jede noch so gute Idee,jedes Leben auf dieser Welt. Alles geht zu Ende.

Bei Gott heißt es: Gott geht in die Zukunft.

Er ist die offene Stelle unserer Wirklichkeit, die wir selbst nicht sein können.

Er oder Sie ist der oder die, die vor uns liegt.

Er ist der, der unsere Welt öffnet, wie er das Grab geöffnet hat, der unseren Horizont weitet, der unseren Erfahrungsraum aufschließt.

Er ist der, der uns motiviert, weiter zu gehen, nach Neuem Ausschau zu halten, der überhaupt Innovation, Veränderung ermöglicht.

Er ist der, der überraschend um die Ecke biegt, nicht kalkulierbar, nicht ausrechenbar.

Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste.

Bei Lichte betrachtet ist dies Schwachsinn:

Als wenn Mose und Aaron das Volk in die Wüste geführt hätten, um es dort verkümmern zu lassen.

Ihnen wird eine Macht über Leben und Tod zugeschrieben, die sie gar nicht haben.

Sie hatten doch selber Angst vor dem ganzen Unternehmen.

Murren ist nicht gerecht. Murren ist nicht zimperlich. Murren und Meckern verzerrt. Murren kann die Wirklichkeit verstellen und das ist schmerzlich.

Wir kennen das: Wir haben zwei Hitzesommer hinter uns, enorme Trockenheit.

Klagen waren zu hören: Die Politik tut zu wenig!

Es wird Zeit, dass ein Klimapaket geschnürt wird, ein ordentliches.

Kaum war es gepackt, schon ging es los mit dem Murren:

„Die Regierung will den Ausstoß von CO2 im ersten Jahr nur mit zehn Euro pro Tonne belasten. Bis 2025 soll der Preis auf 35 Euro steigen. 35 Euro! Klimawissenschaftler gehen davon aus, dass ein CO2-Preis überhaupt erst in einer Größenordnung von 40 oder gar 50 Euro anfängt zu wirken. Ganz offensichtlich aber hat diese Regierung keine Traute, einen ausreichend hohen Preis einzuführen.“ (Alexandra Endres 20.09.2019 zeit.de)

Demokratie ist schwer. Demokratie hat mit Murren zu tun. Demokratie braucht langen Atem.

Das möchten manche verkürzen. Das möchten manche schneller haben.

Sie sprechen von gelenkter Demokratie. Sie behaupten, den Volkswillen zu kennen und deshalb für das Volk entscheiden zu können.

In der Demokratie gibt es aber verschiedene Interessen. Sie ist auf Aushandlungsprozesse angewiesen, auf Verständigung, auf Wandel.

Hinzu kommt: Veränderungsprozesse laufen zumeist unsauber.

Oft gibt es einen emotionalen Stau an der Basis, bei den Betroffenen, und darüber ein Informationsdefizit an der Spitze. Es entsteht ein Murren und Meckern. Das ist schwer erträglich.

Das mögen wir nicht: Aggressionen. Aggressionen werden bei uns selten ausgetragen. Sie werden heruntergeschluckt. Sie werden eher mit Liebesentzug bestraft.

Hilfreich wäre ein kompetenter Umgang mit der entstandenen Unsicherheit,

  • erstmal ein Hinhören,
  • ein Aussprechenlassen,
  • ein achtsames, gemeinsames Suchen nach Perspektiven.

Und das ist macht Mühe! Das dauert lange.

Ich kann mir vorstellen, wie Mose und Aaron ganz schön nervös geworden sind. Das werden die oft, die die Verantwortung tragen, die die Leitung haben. Und es wird dann schwierig, eine verunsicherte Leitung vor sich zu haben. Ihr Kennzeichen ist, dass sie mit Murren und Widerstand kaum oder gar nicht umgehen kann.

Gott sei Dank hatten Mose und Aaron einen erweiterten Blickwinkel. Sie sahen, dass sie nicht alleine waren mit diesem Volk.

Der „Ich werde sein, der ich sein werde!“ hatte in diesem Augenblick offenbar doch noch mal nach seinem Volk geschaut und dabei den hilfreichen Einfall gehabt: Murren muss sein! Murren wird gehört!

„Kommt herbei“ sagt er „ich habe euer Murren gehört.“

Er meint wohl: Ich nehme es ernst! Ihr könnt Euch aussprechen, sogar schimpfen! Ich höre!

So kommt es zu einer Murr-Versammlung in der Wüste. Vielleicht können wir sogar sagen: zu einem rebellischen Gottesdienst?!

Murren ist Ausdruck von Widerstand und Widerstand ist wichtig!

Da zeigt sich, wo unsere Energie sitzt, wo wir sind, was wir wollen.

Ich bin froh, dass in unserer Geschichte Widerstand sein darf, dass der Erfinder des ganzen Auszugs-Unternehmens ihm einen Ort gibt, damit er klar wird. Wird er klar, können wir besser damit umgehen.

Und Gott sprach zu Mose: Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden.

Wir sind immer noch in der Wüste. Der Erzähler der Geschichte provoziert die Frage:

Wie kann in diesem öden Landstrich Nahrung und Leben entdeckt werden?

Ein paar Beobachtungen zum Manna und zu den Wachteln:

  • Gottes Gaben fallen in dieser Geschichte nicht vom Himmel. Sie sind in der Wüste zu finden.

Es sind noch heute beobachtbare Vorkommnisse.

Noch heute passieren Wachteln als Zugvögel die Sinai-Wüste. Gegen Abend fliegen sie niedrig, entkräftet vom weiten Flug und sind so leicht zu fangen.

Manna wird noch heute von den Beduinen gerne gegessen.

Man – das ist der süße Ausfluss des Tamarisken-Busches. In der Kälte der Nacht wird er fest, fällt zu Boden und kann am Morgen als „Honigkörnchen“ gefunden werden. In der Hitze des Tages fängt er dann an zu schmelzen.

Das ist überraschend:

Die Wachteln sind abends da, die süßen Körner am Morgen.

Das Volk hat sie bisher nicht gesehen.

Das plötzliche Sehen wird betont:

Siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein

Schau hin, es gibt etwas zu entdecken!

  • Dieses Manna ist für die Israeliten etwas Fremdes und Ungewohntes.

„Man hu?“ = Was ist das? fragen sie. Dem Volk Gottes wird zugemutet, etwas Unbekanntes,

Fremdschmeckendes in den Mund zu nehmen.

  • Es ist rund und klein.

Es ist keine Festmahlzeit, die da gereicht wird. Es sind nur „Körnchen“, die am Tag zerschmelzen. Es sind nur Wachteln, entkräftet von langem Flug.

Was könnte Manna für uns sein?

Sicherlich, was Kleines:

  • eine Frage, die jemanden aus dem Gedankenkreislauf um sich selbst herausholt,
  • eine Viertelstunde Zeit zum Zuhören.
  • Ich fand einen Kommentar in der Zeitung, der vielleicht so etwas wie Manna für uns sein könnte:

„Wundersames, ja Wunderbares ist passiert seit dem vorigen Sommer.“ – schreibt der Journalist Mathias Drobinski –  „Ein 16-jähriges, sehr ernsthaftes Mädchen aus Schweden ist nach den Ferien freitags nicht mehr zur Schule gegangen, um gegen die Ignoranz gegenüber dem Klimawandel zu protestieren. Nicht ein Jahr später sind weltweit Millionen Menschen auf der Straße statt bei der Arbeit.

Bayerns Ministerpräsident redet grüner als die Grünen.Die Koalition in Berlin stellt ein Klimarettungspaket vor. In New York laden die Vereinten Nationen zum Klimagipfel, und Greta Thunberg, die Prophetin wider Willen aus Schweden, wird den Mächtigen zurufen: Bekehrt euch! Viele Jahre haben Warnungen vor der Erderwärmung folgenloses Kopfnicken bewirkt. Jetzt ist die Erweckungsbewegung da, ausgelöst von einem Mädchen mit strengen Zöpfen, das freitags nicht mehr zur Schule ging.“ (SZ 21.09.19)

Was ist daran Manna?

Vielleicht der kleine Anfang: Sie ging freitags nicht mehr in die Schule… und was ist daraus geworden!

Vielleicht ist es die Ehrlichkeit, die keine Wirklichkeit mehr verstellt.

Vielleicht ist es die Unabhängigkeit vom Perfektionismus, von den 1000 Idealvorstellungen von der Klimarettung.

Vielleicht ist es das, was im ersten Augenblick nicht schmeckt, weil es über den eigenen Horizont hinausweist.

Sicher ist es die Hoffnung, die immer wieder Kraft gibt, anzupacken und neue Ideen zu entwickeln.

„Ich werde sein, der ich sein werde!“ sagt er.  

Er ist der, der die Wirklichkeit öffnet, der unserem Murren und Widerstand Raum gibt.

Er ist der, der unseren Horizont erweitert, der uns nicht in unseren Gewohnheiten ersticken lässt.

Er ist der, der uns bewegt, weiterzugehen, nach Neuem Ausschau zu halten.

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